Champions League nur im Pay-TV: DAZN mache ich nicht mit!

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Ich bin sauer. Ach was. Ich bin stinksauer. Maßlos wütend. Das passiert mit nicht oft. Denn eigentlich bin ich ein relativ ausgeglichener Mensch. Was also musste passieren, dass ich explodiere? Ein Ventil brauche. Heute beginnt die Champions League. Und ich schaue im wahrsten Sinne des Wortes in die Röhre.

Zumindest im Free-TV. Denn das ZDF ist raus und zeigt ab dieser Saison kein einziges Spiel der „Königsklasse“ mehr. Das Premium-Produkt Champions League ist fortan nur noch gegen Bezahlung zu sehen. Entweder bei Sky oder beim jungen Streaminganbieter DAZN. Zwar waren die meisten Spiele ohnehin schon seit vielen Jahren nur im Pay-TV zu sehen, aber immerhin hat es regelmäßig ausgewählte Übertragungen bei RTL, Sat.1 oder zuletzt im „Zweiten“ gegeben. Das ist nun vorbei, das ZDF musste aus dem Verhandlungspoker aussteigen – deutlich mehr als die bisherigen 50 Millionen Euro pro Saison wollten die Mainzer nicht zahlen.

Ich bin ein Fußball-Nerd. Ich schaue, so ich die Zeit habe, alles. Wirklich alles. Sogar die Regionalliga, die Sport1 im Free-TV überträgt, weil dem Sparten-Sender nur noch die ganz kleinen Krümel vom großen Kuchen bleiben. Während also Real Madrid, der FC Barcelona, Bayern München, Borussia Dortmund, Manchester City oder Paris Saint Germain ihre Superstars zaubern lassen, bekomme ich zur selben Zeit im ZDF den großen Schuhmarkt-Check geboten. Von Sneakers bis Stilettos, wird in der Programm-Info angekündigt. Stylische Töppen, wie sie Cristiano Ronaldo und Co. tragen, laufen dagegen auf verschlüsselten Wegen.

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Ich lasse mich ungern in ein Korsett zwängen, zu irgendetwas zwingen. Aber ich werde gezwungen. Nämlich zu bezahlen. Viel Geld zu bezahlen. Einst, bei meinem ersten USA-Besuch, habe ich meine Gastgeber fast schon bemitleidet, weil sie die die Spiele ihres Lieblings-Football-Teams für teure Dollar abonnieren mussten. Niemals hätte ich damals gedacht, dass es in Deutschland einmal so weit kommt.

Im Free-TV bleibt nur ein Stammtisch mit mehr oder weniger lustigen „Fachleuten“, die mir erzählen, was ich nicht sehen darf. Statt Expertise ist dort aber eher Fremdschämen angesagt. Als Alternative bleibt das Rudel-Gucken in der Kneipe. Aber auch dort schalten die Wirte immer öfter ab. Die Pakete sind einfach zu teuer. So viel Bier können die Gäste gar nicht trinken, damit guter Umsatz gemacht wird.

DAZN kostet für einen Privathaushalt 9,99 Euro pro Monat und ist monatlich kündbar. Bei Sky zahlen Fußballfans für die Bundesliga im ersten Jahr 19,99 Euro pro Monat (danach 39,99 Euro) sowie für das Paket mit Champions League und DFB-Pokal noch einmal zusätzlich 14,99 Euro (ab dem zweiten Jahr 29,99 Euro). Nicht nur das. Die Situation ist fast schon chaotisch. Sky und DAZN teilen sich die Champions League auf. Zwar zeigt DAZN den Großteil der Einzelspiele, allerdings sind die Spiele der deutschen Teams nicht komplett bei einem Anbieter zu sehen. Wer also alle Partien seines (deutschen) Lieblings-Teams sehen möchte, braucht beide Abonnements. Das macht mich fassungslos.

„Kannst du dir doch leisten“, bekomme ich immer wieder von Freunden zu hören. Na und? Ich sage: NEIN! Umschalten ist nicht. Ich mache diesen Wahnsinn nicht mit. Denn während die Bosse vor allem der großen Klubs in Kohle baden, bleibt der Fan auf der Strecke, wird schamlos ausgenutzt und vernachlässigt.

Zudem ist die Angelegenheit für einen nicht zwingend technikaffinen Herren in mittleren Jahren wie mich nicht einfach zu handhaben. Um beispielswiese DAZN zu empfangen, braucht man ein Zusatzgerät, um den über das Internet laufenden Stream schauen zu können. Diese heißen Chromecast-Stick, Fire-TV-Stick oder Playstation. Hä? Bitte was? Das sind für mich böhmische Dörfer. Allein schon deshalb herrscht totaler Bildausfall.

Sie nennen mich altmodisch? Ewig gestrig? Ich müsse mit der Zeit gehen? Mag schon sein. Aber ich vermisse die Abende, da ich mit meinem Vater zusammen Europapokal geschaut habe. Es waren Feiertage. Wir sahen alle Spiele mit deutscher Beteiligung. Im Ost- und West-TV. Streitpunkt waren damals nicht, ob wir schauen konnten. Sondern wo. Meine nicht wirklich am Fußball interessierte Mutter und meine kleine Schwester pochten auf ihr Recht, im Wohnzimmer Dallas, Denver Clan oder die Waltons zu gucken. Es würde ja sonst immer und überall nur Fußball gezeigt, klagten die Damen mit bitterer Miene in Endlosschleife. Mein Vater und ich wurden also in ein Nebenzimmer der Geschichte mit einem viel kleineren Fernseher vertrieben. Der familiäre Katzentisch des runden Leders sozusagen. Aber wir waren trotzdem mittendrin statt nur dabei, wenn die großen und teilweise epischen Europapokal-Schlachten in der Flimmerkiste liefen. Quadratische Augen waren für uns an solchen Tagen Normalzustand.

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Das ist nun vorbei. 25 Jahre, nachdem Olympique Marseille mit einem gewissen Rudi Völler im Münchner Olympiastadion als erster Verein die Champions League gewonnen hat. Zumindest aus Sicht der Fernsehzuschauer ist das Jubiläum kein Grund zum Feiern. Übertragungen im frei empfangbaren Fernsehen gehören der Vergangenheit an. Vorerst jedenfalls. Fakt ist, dass die Fans aus meiner Sicht der große Verlierer sind. Im Schnitt 8 Millionen schauten zu, wenn die Bayern, Dortmund oder Schalke gegen die großen Traditionsklubs des Kontinents antraten. Ich bin mir sicher, dass viele meinem Beispiel folgen werden. Keinen Bock mehr haben. Ich habe vollstes Verständnis dafür. Ein Boykott würde helfen. Denn nur so kann man die milliardenschwere Abzock-Blase zum platzen bringen.

Neulich übrigens hat mir ein Kollege im Vertrauen erzählt, dass er sich zum Abschalten immer Serien wie „Rote Rosen“ ansieht. Vielleicht ist das eine neue Möglichkeit für mich. Vom Fußball- zum Serien-Junkie. Wie würde es Kaiser Franz Beckenbauer formulieren: „Schaun mer mal, dann sehn mer scho!“