Claudia Pechstein, der olympische Jungbrunnen

Claudia Pechstein verpasste leider eine Medaille. picture alliance/Sven Simon

Eines lässt sich ja mit Bestimmtheit sagen: wer mit fast 46 Jahren bei einem olympischen Wettbewerb auf den achten Platz läuft, der kann keine so schlechte Eisläuferin sein. Und die, um die es geht, ist mit Abstand die Weltbeste in ihrer Altersklasse. Um wie viel Minuten hätte sie wohl am Freitag auf der Eisbahn im Olympiapark von Gangneung eine noch jüngere Anni Friesinger (inzwischen 41 Jahre alt) abgehängt? Oder eine Franziska Schenk (43)? Aber Rang acht, das ist für eine Claudia Pechstein eben eine derbe, eine krachende Niederlage ohne versöhnlichen Aspekt.

Die Berlinerin versuchte, das in der Eisschnelllauf-Arena der Olympischen Spiele herunterzuspielen. In den schmucklosen aber grell ausgeleuchteten Katakomben des Fertigbaus, dessen Dachkonstruktion stark an den Berliner Wellblechpalast erinnert, sagte sie zunächst, sie könne sich ihren schwachen Lauf nicht erklären. Wenig später wirkte Claudia Pechstein dann doch leicht angefressen und wählte die Vorneverteidigung. Dann eben in vier Jahren bei Olympia gewinnen. Ich aufhören? Nein! Warum auch? Einen Tag sprach ein niederländischer Trainer sogar davon, dass die Berlinern auch weiteraufen könne, bis sie 60 sei. Die ewige Pechstein also. Doch hat sie das nötig?

Aufhören? Denkste! Claudia Pechstein will wieder angreifen. picture alliance /SvenSimon

 

Ja, sie kann das machen, kann weiterlaufen bei den Weltcups auf hohem Niveau. Noch ein paar Jahre lang, sicher – wenn sie sich der Tatsache bewusst wird, dass ein achter Platz über 5000 Meter in vier Jahren bei den Spielen in Peking ein abenteuerlich gutes Resultat wäre – für eine dann fast 50 Jahre alte Eisschnellläuferin. Nein, wenn sie sich nun verbeißt und mit aller Wucht versucht, das nachzuholen, was ihr 2010 bei Olympia in Vancouver verwehrt blieb. Da durfte sie nicht laufen. Wegen der – zu Unrecht ausgehängten – Dopingsperre will sie es seitdem irgendwie allen zeigen. Dabei braucht sie das doch gar nicht mehr, nach neun olympischen Medaillen und sieben Olympiateilnahmen. Doch sie strebt weiter, in Südkorea sagte sie, noch ausgepumpt von ihrem Lauf, denn sie zu schnell angegangen und zu langsam aufgehört hatte: „Wenn ich dann noch gesund bin, wird das kein Problem.“

Olympia, das ist eben ein K.o-Spiel. Das sind Play-offs. Ein Sieg im Weltcup ist da kein Maßstab, im November gelang der Pechstein zuletzt. In den Sportarten wie etwa dem Eishockey, in denen es solche Play-offs gibt, da können schwache Teams auch mal in der Vorrunde stärkere Gegner schlagen; wenn es dann ernst wird, dann ist das halt etwas anderes.

Eines scheint sicher, ein trauriger Abschied von einer olympischen Medaille in einem Einzelrennen war das olympische Rennen für Claudia Pechstein noch nicht. Dieser Abschied kommt noch, irgendwann. Wobei angesichts ihres Alters die Befürchtung da sein kann, dass es kein Happy End auf dem Eis mehr gibt in der Sportlerkarriere der Claudia Pechstein. Und dabei könnte es doch eines geben, wenn sie loslassen würde von ihrem großen Traum einer zehnten Medaille bei Olympia. Und dann, so ohne Druck, wäre die sogar drin. Davon bin ich überzeugt.

Claus Vetter ist stellvertretender Ressortleiter der Sportredaktion beim Berliner Tagesspiegel. Er weilt derzeit für das Hauptstadt-Leitmedium bei den Winterspielen in Pyeongchang und schreibt für seine Zeitung unter anderem einen Olympiablog. Der renommierte Journalist wird in losen Abständen auch bei Sportecho die Ereignisse in Südkorea kommentieren.