DFB-Beben: Rücktritt von Mesut Özil ist ein Warnschuss für alle!

Mesut Özil tritt von der Bühne der Nationalmannschaft ab. Foto: picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa

Ein sonnenüberfluteter Sonntag. Die Hormone tanzten vor Glück. Gute Laune pur. Alle strahlten um die Wette. Ein kühles Getränk im Biergarten, nebenbei ließ ich mich von Formel 1 und Tour de France berieseln. Schön. Fernab von Alltagsproblemen und Stress. Abschalten, die Seele baumeln lassen. Frühschoppen nennt man das in Berlin. Ich lebe in einem Multi-Kulti-Kiez. Hier klappt die Integration.

Dachte ich.

Bis gestern Mesut Özil seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte. In einem dreiteiligen Statement bei Twitter – auf Englisch. Plötzlich kippte die Stimmung. Jeder hatte etwas zu sagen. Die Positionen gingen weit auseinander. Ich finde es grundsätzlich gut, verschiedene Meinungen gegeneinander antreten zu lassen.

Überall in Deutschland treffen sich Menschen an Stammtischen und reden. Übers neue Auto, über Klatsch, Sport und Politik. Stammtischparolen – das Wort hat für mich aber einen schalen Beigeschmack. Politik vom Barhocker? Das ist ganz und gar nicht mein Ding. Oft wird leider populistischer Müll nachgeplappert, weil in der heutigen Zeit vor allem die sozialen Medien ein Nährboden für gefährliches Halbwissen sind, das dann ungefiltert in die Hirne mancher Menschen geht, die es dann als Wahrheit in die Welt hinausposaunen. Eine differenzierte Unterhaltung? Kaum möglich! Andere Meinungen werden kaum akzeptiert. Die Fähigkeit, Konflikte anzusprechen und damit umzugehen wird außer Kraft gesetzt.

Wie eben in der Causa Özil, einem der besten Fußballer seiner Generation. U21-Europameister 2009, WM-Dritter 2010, Weltmeister 2014. Der DFB erkor ihn zu einem Musterbeispiel für Integration. Das wollte Özil selbst aber nie sein. Knapp zwei Monate nach seinem Foto mit dem türkischen Autokraten Erdogan erfahren wir nun, was schon lange bekannt ist. Er hat zwei Herzen in seiner Brust. Aha. Er verleugnet seine Wurzeln nicht. Warum auch? Ich habe viele Freunde und Bekannte, die ähnlich denken.

Aber Özils Statement gerät zur Abrechnung. Es muss tief in seinem Inneren gebrodelt haben. Wie in einem Vulkan. Jetzt die Explosion. Er fühlt sich ungewollt, als Deutscher nicht akzeptiert, vom DFB im Stich gelassen. Zudem wirft er DFB-Boss Reinhard Grindel Rassismus vor. Die Begründung für seinen Rücktritt hebt die Erdogan-Affäre auf eine ganz neue Stufe. Die Folgen sind schwerwiegend und noch nicht abzusehen.

In jedem Fall zeigt sich in jedem seiner Worte, dass der 29-Jährige tief gekränkt ist. Er fühlt sich einer Schmutz-Kampagne ausgesetzt. Er sei ja nur Fußballer. Politik oder gar Wahlkampf wären ihm bei der unrühmlichen Aktion nie in den Sinn gekommen.  Er habe lediglich „das höchste Amt im Land meiner Familie respektiert“. Und jeder, der das nicht so sieht, ist ein Rassist. Punkt!

Es ist mehr als fraglich, ob sich der zweifellos geniale Kicker aber eher schlichte Charakter Özil das alles selber ausgedacht hat. Ich gehe eher von seinen Beratern aus. Er sieht sich in der Affäre um seine Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als Opfer. Die Einsicht in seinem Rundumschlag gegen die DFB-Spitze, Medien oder Sponsoren über eigene Fehler bleibt aus. Dass er mit einem Staatschef posiert, der in Deutschland geltende demokratische Grundrechte in Endlosschleife mit Füßen tritt, ist ihm egal. Selbstkritik? Fehlanzeige! Özil stampft trotzig wie ein kleines Kind auf den Boden. Dieses Verhalten ist, formulieren wir es nett, naiv. Und zieht ein Beben nach sich, das Politiker aus Deutschland und der Türkei für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Wobei wir wieder bei meinem Stammtisch wären, der wie viele andere auch ein Mikrokosmus ist, für die Stimmung im Lande. Diese ist aufgeheizt. Was sicher auch mit der allgemeinen politischen Lage zu tun hat. Es gibt für viele nur Schwarz oder Weiß. Eingewanderte, die sich fremd fühlen. Und die Einheimischen, die sich nicht mehr zu Hause fühlen.

Ich verließ die Runde. Müde der faktisch wenig unterfütterten, dafür einseitig und populistisch geführten Diskussion. Özils Statement hebt sich da sicher nicht ab. Statt aufeinander zuzugehen, geht man sich aus dem Weg.

 

Reinhard Grindel, DFB-Präsident. Foto: Andreas Arnold/dpa

Ein fatales Zeichen. Leider. Und eine große Gefahr. Viele junge Migranten fühlen sich, ähnlich wie Özil, wenig akzeptiert und noch mieser behandelt. Sie könnten sich in ihm wiederfinden. Daher ist das Agieren der DFB-Spitze seit Beginn der Affäre desaströs, das Krisenmanagement erbärmlich. Ein Nationalspieler tritt zurück, auch, weil er sich-  teilweise zu Recht –  rassistisch angefeindet fühlt. Ein Armutszeugnis für den größten Fußball-Verband der Welt. Es gibt nicht viele Argumente, die gegen einen Rücktritt des offensichtlich überforderten Präsidenten Reinhard Grindel sprechen. Er gab Özil nach der WM zum Abschuss frei, machte ihn indirekt für das blamable WM-Aus verantwortlich. Rückendeckung? Null! Dafür viel Dilettantismus. Versagen.

Grindels Zeit ist abgelaufen. Der Vorwurf des Rassismus wird haften bleiben. Statt eines Befreiungsschlags, gab es ein bitteres Eigentor. Özils Rücktritt ist ein Warnschuss. Für uns alle. Ein Neuanfang muss her. Dringend.