Droge Fußball-WM? Ich habe keine Entzugserscheinungen!

Die kroatischen Weltmeister der Herzen um Kapitän Luca Modric, dem besten Spieler der WM, verdienen Respekt. Foto: picture alliance/ Sven Simon

Die WM in Russland ist vorbei. Ach wirklich? Habe ich gar nicht bemerkt. Normalerweise falle ich nach den Weltspielen des runden Leders in ein tiefes Loch. Die Tage aller Fußballfans waren durch die Anstoßzeiten der WM-Spiele bestimmt. Ein wohliges Gefühl. Man hatte eine Struktur, einen Takt, an den man sich gewöhnt hatte. Und plötzlich –  alles aus. Vorbei. Im exzessiven WM-Gucken liegt bekanntlich ein gewisses Suchtpotenzial. Das bestätigen sogar Fachleute. Entzugserscheinungen nach vier Wochen Fußball satt bleiben da nicht aus.

Das war einmal. Zumindest für mich. Stellte ich am Montag fest. Völlig unaufgeregt, fast teilnahmslos, registrierte ich den WM-Titel der Franzosen. Wie schon vorher die gesamten Titelkämpfe. Einst hätte mich das frühe und blamable Aus der deutschen Nationalmannschaft in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Der Titelverteidiger war so schlecht wie noch nie in der Geschichte des globalen Wettbewerbs. Störte mich diesmal nicht im Ansatz.

Die Spiele der WM rauschten an mit vorbei, wie die ICE-Züge am Bahnhof Spandau. Man nimmt sie wahr. Aber kaum einer interessiert einen wirklich. Vielleicht hatte ich ja alle meine Emotionen beim olympischen Silberlauf der deutschen Eishockeyhelden im Winter in Pyeongchang aufgebraucht. Die alles boten, was das Fan-Herz begehrt. Wille. Leidenschaft. Begeisterung. Eben genau das, was die behäbigen und teilweise arroganten DFB-Kicker nicht im Ansatz zeigten.

Immer öfter erwischte ich mich, dass ich vor dem TV sitzend auf mein Smartphone starrte, Dinge im Haushalt erledigte, wegzappte,  gelangweilt bei irgendwelchen Dokus oder Spielfilmen hängen blieb. Gähn!

Das macht mir Angst. Inzwischen verfolgt sogar meine kleine Schwester die Spiele mit größerer Intensität als ich. Was ist nur passiert? Bin ich zu verwöhnt von den Erfolgen der Vergangenheit? Übersättigt? Ich, der Fußball-Junkie. Der Mann, der sich einst sogar – nicht nur von meinem Ex-Chef belächelt – Testspiele der alleruntersten Ligen reinzog.

Fakt ist: Bei der WM verlor ich trotz großer Vorfreude schnell die Lust. Viele Tore fielen nach Standardsituationen und in der Schlussphase, oft trafen Verteidiger, meistens per Kopf – und jene Mannschaft mit mehr Ballbesitz verlor erstaunlich oft. Der deutsch-spanische Ballbesitzfußball hat sich in die Geschichtsbücher gepasst. Aber: Selbst Teams wie der neue Weltmeister Frankreich opferten für den Erfolg ihre enormen Offensivqualitäten. Spektakel? Ist ganz anders!

Pragmatismus bis zur Schmerzgrenze. Schnörkellos, effizient, nüchtern – das ist mein Fazit dieser WM. Bis auf ganz wenige Ausnahmen. Wie unter anderem das Endspiel bewies. Und vor allem Kroatien. Mentalitäts-Wunder. Vollgepumpt mit Adrenalin. Zäh wie ein verkohltes Stück Grillfleisch. Die WM- Stehaufmännchen zeigten dazu, dass sie richtig gut kicken können. Sie gingen über ihre Grenzen hinaus, kämpften mit Herz und Hingabe. Für ihre Fans. Für ihr Land. Dieses winzige Land. Mit nur 4,2 Millionen Einwohnern. Eines, das wegen sozialer und wirtschaftlicher Probleme einen dramatischen Exodus erlebt. Die „Feurigen“ gingen für ihre Nation durchs Feuer. Und sorgten dort wenigstens für ein paar Wochen für kollektives Glücksgefühl. Das war kein klinischer Schachbrettfußball. Die Spiele der Kroaten waren für mich eine der wenigen emotionalen Highlights.

Keine Frage, ich gönne den Franzosen den zweiten Stern. Sie waren insgesamt das beste Team. Mein WM-Fazit: Frankreich ist Weltmeister. Kroatien Weltmeister der Herzen! Nach dem verlorenen WM-Finale überwiegt im Balkan-Staat der Stolz auf die größte Leistung in der Fußballgeschichte des Landes. Sympathische Verlierer, die zwar Herzen erobert, aber den großen Triumph verpasst haben. Dennoch haben sie haben in Russland ein Wunder vollbracht. Das kann ihnen keiner nehmen.

Und ich? Schaute schon vor dem Finale in Moskau zum Beispiel nach Frankreich. Zur Tour de France. Zum Radsport. Zu Typen wie John Degenkolb. Auf der gefürchteten Kopfsteinpflasteretappe nach Roubaix setzte sich der Mann aus Gera knapp im Schlussspurt durch. Es war das Ende einer zweijährigen Leidenszeit. Seine Karriere hing nach dem schweren Trainingsunfall im Januar 2016 am seidenen Faden. Fast verlor er seinen linken Zeigefinger. Jetzt wurde ein Traum war. Sein erster Tagessieg bei der Frankreichrundfahrt.

John Degenkolb sorgt für Begeisterung. Foto: picture alliance/Alexandre Marchi/MAXPPP/dpa

Ich habe nicht weggezappt, blieb bis zum Ende der Etappe mit Hochspannung dabei. Sie sehen, es gibt in diesem Sommer doch noch Sportereignisse, die mich richtig begeistern können. Dazu gehört natürlich auch der triumphale Erfolg von Angie Kerber am Wochenende im Tennis-Mekka von Wimbledon.

Angie Kerber erfüllt sich einen Kindheitstraum. Foto: picture alliance/Photoshot

Beides Sportler, deren Einstellung den DFB-Kickern als Blaupause dienen sollte. Dann wäre mir um die Zukunft nicht bange. Vielleicht finde ich ja bald den Spaß am Fußball zurück. Den mir in Russland nicht nur die deutschen Profis ausgetrieben haben. Schau’n mer mal!