Finale daheim: Minnesota Vikings kämpfen gegen den Superbowl-Fluch

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Klirrende Kälte, Bier, Wimpern, Bärte festgefroren. Die Gesichter fratzenhaft, zu Masken erstarrt. Logisch, bei Temperaturen bis zu minus 21 Grad. Gefühlt noch viel mehr. Eiszapfen und Schneestürme im Stadion. Man könnte denken, zwei Football-Teams würden ein Spiel am Nordpol austragen. Weit gefehlt.

Bei den Minnesota Vikings war das um diese Jahreszeit normal. Als man übergangsweise im offenen TCF Bank Stadium von Minneapolis spielte. Die frenetischen und ob ihrer Lautstärke in der ganzen NFL gefürchteten Fans der Wikinger störte nicht, dass sie praktisch in einer Tiefkühltruhe saßen. Es gehörte irgendwie zum Kult ihres Klubs. Und gehört der Vergangenheit an. Im Juni 2016 wurde das neue U.S. Bank Stadium fertiggestellt. Eine hypermoderne Arena der Superlative. 66.200 Zuschauer. Das Gelände des Stadions umfasst etwa 12.700 m² und beherbergt sechs Clubräume. Das Dach ist fest installiert, jedoch gibt es fünf jeweils 29 Meter hohe Glastüren, die bei Bedarf geöffnet werden können. Außerdem sind 2.000 HD-Flatscreens und 1.300 Wifi-Access-Points eingerichtet. Gerade einmal zwölf Meter trennen die Zuschauer von der Seitenlinie. Da kann man fast den Atem der Stars spüren. So nah dran ist man als Zuschauer in keiner der anderen NFL-Stadien. Kosten des Mega-Bauwerkes: 1,1 Milliarden Euro. Nicht gerade ein Schnäppchen. In eben diesem Football- Hightech-Tempel findet am 4. Februar der 52. Superbowl statt. Was alle Minnesota-Anhänger träumen lässt – vom Finale daheim!

Das ist allerdings fast ein Ding der Unmöglichkeit. Seit dem ersten Superbowl vor 51 Jahren hat es kein NFL-Team geschafft, sich für das größte Einzelsport-Ereignis der Welt in seinem eigenen Stadion zu qualifizieren. Die Vikings wollen am Sonntag (22.40 Uhr) den ersten Schritt machen, diesen Fluch zu besiegen. „Wir wissen, dass wir etwas ganz Großes schaffen können und noch dazu in unserem Stadion“, denkt Head-Coach Mike Zimmer in historischen Dimensionen. In der NFC Divisional Round geht es gegen die New Orleans Saints. Schon im ersten Saisonspiel trafen beide Teams aufeinander. Gutes Omen, damals siegte Minnesota mit 29:19. Jetzt soll es endlich, endlich, endlich klappen mit dem Endspiel. Der fanatische Anhang der Wikinger ist Kummer gewohnt, wartet trotz traditionsreicher Geschichte immer noch auf die erste Meisterschaft. Vier mal standen sie in der 1970er Jahren im Endspiel, konnten aber keines gewinnen. Seitdem schrammten die Vikings mehrmals unglücklich und knapp am Einzug ins ultimative Spiel vorbei. Ein Fluch, den es zu beenden gilt.

Hoffnungsträger ist Quarterback Case Keenum. Ausgerechnet. Der ist der Ersatz vom Ersatz. Sam Bradford, der für den damals noch an einer Knieverletzung laborierenden Franchise-Quarterback Teddy Bridgewater auflief, verletzte sich direkt eine Woche später. Also musste die Notlösung ran. Und entwickelte sich zum Superstar. 13 Siege in der regulären Saison, 22 Touchdowns stehen nur sieben Interceptions, mit 67,6 Prozent hat der 29-Jährige die zweitbeste Passquote der NFL. „Es war nicht einfach unter diesen Voraussetzungen zu starten, doch letztendlich lief es gut und jetzt fühlt es sich an wie ein Traum“, verriet der Spielmacher, der immer als zu schmächtig (1,85 m, 85 kg) eingeschätzt wurde. Er hat allen Zweiflern den Wind aus den Segeln genommen. Und will das Happyend an seinem Aschenputtel-Märchen schreiben.

Ein bisschen zittern ihm schon die Knie. „Es ist kein ängstlich, nervöses aufgeregt sein, aber ein aufgeregt, nervöses“, sagte Keenum. „Wenn du an diesem Punkt der Saison gar nichts spürst, musst du dir vielleicht doch einen anderen Job suchen.“ Ja, der Mann will den ganz großen Wurf. Für Minnesota. Für die Vikings. „Ich bin mir sicher, dass mir eine Menge Emotionen durch den Kopf gehen werden. Die ganze Atmosphäre in den Play-offs war eine Explosion. Es ist etwas, an das ich mich immer erinnern und schätzen werde“, sagt Keenum. „Ich habe hart gearbeitet, um so weit zu kommen. Es ist dasselbe Feld, dasselbe Stadion und dieselbe Zeit. Ich habe eine großartige Mannschaft, eine tolle Offensive Line, großartige Receiver, großartige Runningbacks und eine tolle Verteidigung. Wenn ich abrufe, was ich kann, werden wir erfolgreich sein.“ Punkt! So klingt ein knallharter Wikinger. Keenum trägt die gigantische Last, die sehnlichsten Träume, die jahrzehntelange Hoffnung eines ganzen Bundesstaates auf seinen Schultern. Das Finale daheim. Kein Fluch. Kein Druck. „Ich bin vorbereitet.“ Na dann …

Divisional Round im Free-TV:

13. Januar, ab 22:15 Uhr: Atlanta Falcons at Philadelphia Eagles live auf ProSieben und ran.de

14. Januar, ab 02:15 Uhr: Tennessee Titans at New England Patriots live auf ProSieben und ran.de

14. Januar, ab 18:30 Uhr: Jacksonville Jaguars at Pittsburgh Steelers live auf ProSieben MAXX und ran.de

14. Januar, ab 22:25 Uhr: New Orleans Saints at Minnesota Vikings live auf ProSieben und ran.de