WM in Russland: Dawai! Ich lasse mir den Fußball nicht kaputt machen

Ein Blick in das Stadion bei der Eröffnungsfeier. Foto: Christian Charisius/dpa

Von vielen sehnlich erwartet, von anderen verflucht: Die Fußball-WM in Russland hat begonnen. Mit einem furiosen 5:0-Sieg im Eröffnungsspiel für die Gastgeber gegen ein völlig überfordertes Saudi-Arabien. Eigentlich sollte ich jetzt im Fieber sein. Voller Vorfreude. Mit Spannung geladen. Bin ich aber nicht. Mein derzeitiger Fan-Modus läuft eher noch im Sparmodus. Schland. Statt Schlaaaaaand! Das ist allerdings ungewöhnlich. Normalerweise bin ich Wochen vor den kontinentalen Titelkämpfen aufgeregt. Schlaflos. Wie ein kleiner Junge vor Weihnachten. In Endlosschleife schaue ich alle vier Jahre in Spartenprogrammen die großen Spiele vergangener Tage an. Ich kann die Original-Kommentare sogar mitsprechen. Ein Fußball-Nerd, wie er im Buche steht.

Aber diesmal infiziert mich der Virus einfach nicht. Noch nicht. Es ist mir selber ein Rätsel. Ich, der Mann, der eigentlich bei einer WM alles mitnimmt. Nicht eine Sekunde verpasst. Vorberichte. Spiele. Nachberichte.

Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen belächeln mich seit Jahrzehnten dafür. So ich beruflich Spiele der deutschen Mannschaft verfolgte, wurde ich des Büros verwiesen. Ich beobachtete das Treiben der DFB-Elf, drücken wir es vorsichtig aus, zu emotional. Bei unserer Sekretärin fand ich dankenswerterweise immer Asyl. Momentan aber fühle ich mich in Sachen WM-Stimmung wie ein Techno-Tänzer auf Valium. WARUM?

Ist es das verheerende Image, das dem größten Sportereignis der Welt heute anhaftet? Womit es nicht nur Nostalgikern wie mir zunehmend schwer fällt, dafür noch Begeisterung  aufzubringen? Weil Kommerz und Korruption den Fußball kaputt machen?

Ein Stück weit schon. Denke ich. Der Fußball hat seine Unschuld verloren. Nicht erst seit heute. Das trifft Romantiker dieses Sports wie mich mitten ins Herz.

Meine erste Erinnerung an eine Fußball-WM ist lange her. Man schrieb das Jahr 1970. Ich war fünf Jahre alt und mit meiner Familie im Urlaub in Bulgarien. Mein Vater wollte ein Spiel der WM in Mexiko im TV-Raum des Hotels sehen. Eigentlich war ich ja noch zu klein. Aber ich quengelte so lange so lange, bis mich Papa auf sanften Druck meiner Mutter schließlich doch an die Hand nahm. Welches Spiel, fragen Sie? Weiß ich nicht mehr. Vor meinen Augen sind nur noch viele große, bärtige und rauchende Männer.

1974, die Heim-WM, habe ich dann völlig bewusst wahrgenommen. Erstmal quengelte ich wieder. Ich wollte unbedingt zum Spiel Deutschland gegen Chile im Berliner Olympiastadion. Hatte mir mein Vater auch versprochen. Die Südamerikaner provozierten aber in jenen Tagen Proteste, seit sich in ihrer Heimat das Militär an die Macht geputscht hatte (1973). Spätestens nach dem Bombenanschlag auf das chilenische Konsulat in West-Berlin zwei Tage zuvor war jeder ihrer WM-Auftritte für die Polizei ein Hochsicherheitsspiel. Zu gefährlich. Meinte mein Papa. Und ich musste unter bitteren Tränen zu Hause bleiben. Trotzdem prägte mich diese WM. Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Katsche Schwarzenbeck, Paul Breitner – was für Namen. Auch das Spiel gegen die DDR. Nicht aus politischen Gründen. Wo waren sie beim Sparwasser-Tor? Das weiß wohl jeder deutsche Fan meiner Generation. Ich schaute bei meiner Oma. Mit meiner kleinen Schwester. Beide nicht eben sportbegeistert. Bitter! Noch viele Jahre später musste ich meiner Großmutter immer wieder erklären, dass der FC Bayern München NICHT die deutsche Nationalmannschaft ist. Sie verstehen? Ich fühlte mich ob des fußballerischen Sachverstandes um mich herum allein gelassen. Hoffnungslos verloren in meinem eigenen Sportuniversum. Dann die Wasserschlacht von Frankfurt, das Endspiel. Das ich dann wieder mit Papa schaute. Der Jubel. Wie ich anschließend mit meinen Schlümpfen auf einem selbstgebauten Fußballfeld das Finale  nachspielte. So kann ich seitdem von jeder WM Geschichten erzählen. Ich weiß genau, wo ich bei jedem Finale war, was ich an den jeweiligen Tagen gemacht habe. Ich habe diese Ereignisse aufgesogen wie ein Schwamm. Tief in meiner DNA verwurzelt.

Plötzlich aber ist sie weg, die Begeisterung im Vorfeld. Die Euphorie. Die Tests gegen Österreich, Saudi-Arabien, Erdo-Gate – da kann auch dem allergrößten Fan die Lust vergehen. Das ist aber nicht der Grund. Wie schon erwähnt ist es viel schlimmer, dass der Fußball überladen wird. Mit politischer Einflussnahme, wirtschaftlichen Erwartungen, Selbstinszenierungen der Gastgeber,  staatstragenden Worten. Ein verstörendes Gewese. Hauptsache, die Show stimmt. Die WM ist ein Event geworden, das niemand mehr ignorieren kann – so sehr er sich auch anstrengt. Im Supermarkt wirbt jeder Schokoriegel mit Fußball-Devotionalien. Keine Kneipe ohne Live-Übertragungen. Und wer es schafft, das alles auszublenden, begegnet morgens im Flur dem Nachbarn im Deutschlandtrikot. Es gibt kein Entkommen.

Und während ich diese Zeilen und mich selber immer mehr in Rage schreibe, stelle ich fest, dass ich mich meiner Leidenschaft nicht berauben lassen will. Niemals.

Fans beider Mannschaften kommen zum Stadion, über dem offiziellen Fanshop der FIFA steht eine Statue von Lenin. Foto: picture alliance/augenklick/GES

Ich werde mich in den kommenden Wochen wieder von der Faszination und den Emotionen des Fußballs einfangen lassen. Da bin ich eben doch zu sehr Fan. Spätestens am Sonntag, wenn die DFB-Elf gegen Mexiko ins Turnier eintritt, werde ich gebannt wie als kleiner Junge vor dem TV sitzen. Mitjubeln. Mitzittern. Mitfiebern. Erdo-Wahn, Politik, Korruption und jedem Kommerz zum Trotz. Ronaldo schauen, Messi feiern, Pogba bestaunen und den sympathischen Island-Zwergen die Daumen drücken. Hu!

Im Deutschland-Trikot. Warum auch nicht? Wie schrieb die Stuttgarter Zeitung: „Nirgendwo anders sammelt sich so viel unverdächtiger Patriotismus. Wer Thomas Müller in seiner Absicht bestärkt, über rechts zu kommen, wählt vielleicht sogar die SPD.“

Fußball produziert immer noch Geschichten, die eigentlich nicht passieren können. Das 7:1 der Deutschen gegen Gastgeber Brasilien im Halbfinale der WM 2014 zum Beispiel. Auch in Russland wird es solche Geschichten geben. Spiele, die man nie vergisst. Vielleicht diesmal durch den Neuling Panama? Wäre doch schön. Nein, ich lasse mir den Fußball nicht kaputt machen.

Dawai! Auf geht’s! Lasst die Spiele beginnen.