Hey, Du-da: Hertha BSC steht echt gut da!

Hertha feiert mit den Fans den Sieg gegen Bayern München.

Am 26. September habe ich meinen 49. Geburtstag gefeiert.  Ich weiß, die Leute, die mich kennen, werden jetzt verwundert staunen. Der Mann ist doch viel älter. Warum macht er sich öffentlich jünger? Midlifecrisis? Mitnichten. Mir ist schon bewusst, dass ich mich mit großen Schritten auf die 54 zubewege. Ich rede von meiner Hertha-Geburt. Mein Vater nahm mich damals erstmals mit ins Olympiastadion. Viel Erinnerungen habe ich nicht mehr. Ich war ja noch ein kleiner Junge. Nur, dass das Stadion rappelvoll war. Bis dato bedeuten die 88.075 Zuschauer den offiziellen Zuschauerrekord seit Einführung der Bundesliga am 24.08.1963 (inoffizielle Angaben sprechen sogar von über 100.000 Zuschauern). Später erzählte mir mein Vater, dass ich nach dem Aufwärmen gehen wollte. Ich dachte, dass Spiel ist vorbei. Das sei einem Vierjährigen entschuldigt. Aber ich war dabei, als Hertha BSC den 1.FC Köln mit 1:0 besiegte. Und ich war infiziert. Seitdem fließt blau-weißes Blut durch meine Adern.

Als Hertha-Fan bin ich polyvalent

Dafür werde ich zumeist belächelt. Viele haben sogar Mitleid. Letzteres war sogar nötig. Es gab es Zeiten, da ich eine tröstende Schulter brauchte. Hertha ist eben eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Mein Vater zum Beispiel hatte sich immer wieder selbst ein Stadionverbot erteilt. Zu sauer war er über die gezeigten Leistungen und Machenschaften in und um den Verein seines Herzens. Ich dagegen blieb der alten Dame treu (mein Vater während seiner Auszeiten insgeheim auch).  In Sachen Fan bin ich, um es mit Herthas Ex-Trainer Lucien Favre zu sagen, polyvalent. Vielseitig. Ich stehe hinter meinem Klub. In guten wie in schlechten Tagen. Was manchmal einer Selbstkasteiung gleichkommt. Oft, viel zu oft, wurde ein zartes Pflänzchen Hoffnung in den kargen märkischen Sandboden gesetzt, aber immer wieder zerstört, bevor es richtig erblühen konnte. Graue Maus war in den letzten Jahren noch das Netteste, was man über die olle Tante zu hören bekam. Verzweifelte Versuche, den West-Berliner Mief abzustreifen, scheiterten krachend. Noch immer kräuseln sich mir die Fußnägel, wenn ich an die teilweise kläglichen Image-Kampagnen denke. Mit Slogans wie „We try, we fail, we win“. Die alte Dame machte auf jung und hip. Sowas geht meistens schief. Wenn man dabei seine eigenen Traditionen vergisst. Zum Saisonstart wurde Frank Zanders legendäre Einlaufhymne „Nur nach Hause“ vorübergehend durch den Song „Dickes B“ von Seeed ersetzt. Die Ostkurve ging auf die Barrikaden. Verständlicherweise. Nur in Berlin schafft man es, den eigenen Anhang durch solch dämliche und völlig unnötige Aktionen gegen sich aufzubringen. Inzwischen korrigierten die Verantwortlichen den Unsinn. Der Kult-Barde Zander bleibt nicht zu Hause, sondern geht wieder ins Stadion.

Frank Zander. Foto: picture alliance, Soeren Stache/dpa

Die alte Dame ist wunderschön

Gehörte Zander einst zu den wenigen Attraktionen in der riesigen Betonschüssel, ist plötzlich alles anders. Die Gesichter der Hertha-Anhänger, auch ich, zaubern Regenbogen in den blau-weißen Himmel. Hertha begeistert. Nicht nur Berlin. Sondern die gesamte Republik. Die alte Dame ist wunderschön. Besser noch, sie zeigt wunderschönen Fußball. Sie malt Bilder der Vollkommenheit auf den grünen Rasen. Statt hämischer Kommentare erhalte ich nun wohlwollende Nachrichten via WhatsApp. War meine eigene Hertha-Gruppe früher eher ein Therapie-Chat, liefern die Mitglieder meines Hertha-Stammtisches Detti, Micha oder Andi inzwischen Kaskaden an Superlativen.

In Wolfsburg: Der Autor (l.) und seine Freunde Detti und Andi (r.) hoffen, dass der Hertha-Höhenflug anhält.

Atemlos durch die Nacht: Sensation gegen Bayern München

Aber nach dem unerwarteten 2:0 Heimsieg gegen den eigentlich übermächtigen FC Bayern München stehen wirklich alle Kopf. Hertha ist in. Hertha ist einer der Hotspots der Hauptstadt. Vor allem aber: Hertha macht Spaß! Wie aus dem Nichts steigt das Team wie Phönix aus der Asche, setzt zu einem schwindelerregenden Höhenrausch an und versetzt den leidgeprüften Anhang in einen blau-weißen Gefühlsrausch. Inzwischen besteht bei mir fast die Gefahr von Reizüberflutung. Die geklauten Punkte in Wolfsburg sowie die verdiente Niederlage in Bremen ignoriere ich einfach.

2009 löste Hertha zuletzt ähnliche Emotionen bei mir aus. Damals wähnte man sich schon auf dem Weg zur Meisterschaft. „Hey, das geht ab, wir holen die Meisterschaft“, tönte die Ostkurve, eine der kreativsten der Liga, als Bayern mit 2:1 geschlagen wurde. Auch damals war ich im Stadion. Mein heutiger Chef hatte geladen. Ich schwebte fast aus der altehrwürdigen Arena. Gefangen in einem Kokon des Glücks. Es war ein Ausreißer nach oben. Leider. Denn danach herrschte zumeist wieder Bundesliga-Tristesse.

Renaissance in der Hauptstadt: Raus aus der Tristesse

Was ist in dieser Saison passiert? Wer hat Hertha so verzaubert? Mit kleinen Schritten entwickelte Trainer Pal Dardai im Verbund mit Sportdirektor Michael Preetz die Mannschaft weiter – personell, taktisch und spielerisch.  Hertha durchlief eine Metamorphose. Im Mittelfeld agieren mit Arne Maier (19) und Ondrej Duda (23) zwei junge Spieler, die mit dem Ball umzugehen wissen. Und hinter den im wahrsten Sinnes des Wortes eingebungsreichen Flügelstürmern wie dem sensationellen Javairo Dilrosun (20) oder dem alternden, aber immer noch genialen Solomon Kalou (33) agieren zwei Außenverteidiger, die sich berufen fühlen, das Angriffsspiel über die Flanken so zu bereichern wie im Lehrbuch: Marvin Plattenhardt (links) und Valentino Lazaro (rechts). Sogar der Ausfall des gegen Gladbach schwer verletzten Marco Grujic (22) wurde kompensiert., Nicht nur für mich ein Schock, als ihn der Gladbacher Patrick Herrmann brutal umtrat. Die Liverpooler Leihgabe war für mich in Kombination mit Duda die Entdeckung der Saison. Allein seine körperliche Präsenz schüchterte die Gegner ein. „Ein schwerer Schlag“, gibt Dardai zu, „er drückt unserm Spiel den Stempel auf.“

Arne Maier gewinnt das Duell gegen Thiago. Foto: picture alliance/Sven Simon

Gelungene Mischung aus Jung und Alt 

Die gelungene Mischung aus Jung und Alt ermöglicht den vielleicht besten Fußball des Klubs seit Jahren zu spielen. Im Sommer hat der Ungar mit seinem Assistenten Rainer Widmayer das Team verstärkt das Positionsspiel üben lassen. „Es hat sich gelohnt, sich im Sommer damit zu beschäftigten“, sagt Dardai. „Wir haben unsere Spielweise verändert, spielen jetzt offensiver und attraktiver. Das war auch nötig nach der letzten Saison“, erklärt Manager Michael Preetz. Die Saat geht nun auch deshalb auf, weil Dardais Hertha so direkt wie nur irgend möglich spielt, mit ein, zwei Ballkontakten wie bei Dudas 2:0 gegen die Bayern, dem ein tödlicher Rückpass des als Rechtsverteidiger zunehmend großartigen Valentino Lazaro voranging. Die langweiligen Defensiv-Auftritte gehören der Vergangenheit an. Man musste handeln! Auch,um den Zuschauerschwund zu stoppen. Nur einem Hardcore-Fan wie mit war es möglich, den irgendwie leblosen Auftritten etwas Gutes abzugewinnen. 13 Punkte hat die Hertha gesammelt – so viele wie die Bayern – und hat in dem derzeit unglaublichen Ondrej Duda und Vedad Ibisevic zwei Spieler aufzuweisen, die in der Torschützenliste mit fünf beziehungsweise vier Saisontreffern vor jedem Bayern-Profi stehen. Sogar vor Mega-Knipser Robert Lewandowski. Und ich habe gerötete Augen, vom vielen Reiben.

Ondrej Duda erzielt das 2:0 gegen Bayern München. Foto: picture alliance/Sven Simon

Neuzugang Ondrej Duda

„Wir spielen mehr Fußball als im vergangenen Jahr“, sagt Duda, der gegen die Bayern das 2:0 erzielte. Duda, das heißt im Spanischen Zweifel, und ebensolche hatten ihn begleitet, seit er vor zwei Jahren zur Hertha kam. Abgeschrieben. Abgestempelt. Als Fehleinkauf. Er war im ersten Jahr verletzt, konnte sich auch im zweiten nicht durchsetzen. Aber Dardai gab den Duda-Flüsterer, blieb geduldig, band ihn ein, redete viel mit ihm. Mit Erfolg. Jetzt ist der Slowake ein gefühlter Neuzugang. Und zahlt zurück. Mit spielerischer Raffinesse. Vor allem aber mit Toren. Traumtoren. Entschuldigen sie die Tippfehler. Ich muss immer wieder meine Augen wischen. Vielleicht sollten die Fans eine neue Hymne frei nach der Hip-Hop-Gruppe „Die Fantastischen Vier“ dichten: „Das ist Duda, Duda, Duda, Duda, Duda! Vorher war er nie da!“

Pal Dardai (l.), der Duda-Flüsterer. Foto: picture alliance, Soeren Stache/dpa

Er hat einen großen Anteil daran, dass Berlin sich wandelt. War der Besuch eines Hertha-Spiels früher so interessant wie ein Tag im Schlaflabor, registrieren nun selbst meine mich sonst belächelnden Freunde mit einigem Erstaunen, dass die Alte Dame sich aufgehübscht hat, auf dem Rasen Umsicht walten lässt, und es selbst gegen den FC Bayern wagt, die eigenen Talente zu entfalten. Die Jugendarbeit gilt nicht umsonst  als führend im Land. Auch andere Akteure aus den Jahrgängen 1999 und 2000 sind zum Teil schon ganz nah dran: Dardais Sohn Palko und Dennis Jastrzembski standen im Kader, Spieler wie Julius Kade, Florian Baak und Muhammed Kiprit stehen auf dem Sprung. „Wir müssen die Spieler nicht gut reden. Die sind gut“, schwärmt Dardai von seinem Ensemble. „Die ganze Welt hat das Spiel gesehen: Freitagabend gegen Bayern München, ein volles Stadion. Das ist gut für das Image.“

Hat allen Grund zur Freude: Ondrej Duda Foto: picture alliance/Sven Simon

Das sich gewandelt hat. Jetzt bekomme ich die Schulterklopfer nicht mehr aus Trost. Ich senke nicht mehr verschämt den Kopf, wenn von Hertha gesprochen wird. Jetzt kann ich mit stolz geschwellter Brust sagen: „Ich bin Hertha-Fan!“ Der Neid wird mir gewiss sein. Und wer weiß, was erst in meinem 50. Jubiläums-Jahr passiert. „Die Zukunft gehört Berlin“, heißt es in einem Hertha-Slogan. Inzwischen glaube ich daran. Ich sage es allen Zweiflern: Hey, Du-da! Hertha fühlt sich gut an.