Minnesota Vikings und Case Keenum: Wenn aus Verlierern Helden werden!

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Minnesota Vikings quarterback Case Keenum smiles after the NFC Divisional round playoff game against the New Orleans Saints at U.S. Bank Stadium in Minneapolis on January 14, 2018. The Vikings defeated the Saints 29-24 to advance to NFC Championship game. Photo by Kamil Krzaczynski/UPI Photo via Newscom picture alliance |

Lebe nicht dein Leben, lebe deinen Traum! Dies ist das Motto der Minnesota Vikings. Und von ihrem Quarterback Case Keenum. Beide irgendwie Loser in der Geschichte des American Football. Die Wikinger warten in ihrer traditionsreichen Geschichte immer noch auf den Gewinn der ersten Meisterschaft. Ihr Spielmacher ist eigentlich nur eine Notlösung. Dennoch scheint es so, als könnte am 4. ein Märchen wahr werden. Das, was noch kein Team geschafft hat. Das Finale im eignen Stadion. Die Nordmänner schlugen in einem unfassbaren Viertelfinal-Thriller die New Orleans Saints mit 29:24. In allerletzter Sekunde. Was für eine Spannung. Was für ein Finish. Was für eine Dramatik. Alfred Hitchcock hätte nicht besser Regie führen können. Mehr Krimi geht nicht.

 

 

Das Thema war durch. Eigentlich. 10 Sekunden vor dem Ende sah New Orleans wie der sichere Sieger aus. Der Sekt war praktisch schon kaltgestellt, als Keenum in seinem ersten Play-off-Spiel mit dem Mute der Verzweiflung auf Wide Receiver Stefon Diggs passte. Der fing das Spielgerät mit dem Rücken zur Endzone, blieb innerhalb des Feldes, drehte sich, konterte reaktionsschnell einen Tackle, stützte sich mit der Hand ab  – und hatte freie Bahn. Mit ausgebreiteten Armen lief der 24-Jährige in die Endzone und vollendet seinen 61-Yard-Wunder-Touchdown. Das Stadion staunte erst ungläubig, um dann zu explodieren. Ein ekstatisches Freudenmeer. Ausnahmezustand. Der Quarterback realisierte erst gar nicht, was für ihm da gelungen war. Erst Sekunden später riss er die Arme in die Höhe und feierte, immer wieder mit dem Kopf schüttelnd, das Unbegreifliche. Der fanatische und lautstarke Anhang der Vikings wird sich diese Szene bis zum nächsten Sonntag in Endlosschleife anschauen. Immer und immer wieder.

Es sind diese Geschichten, die nur der Sport schreiben kann. Da ist Minnesota. Das Team der Unglücklichen. Vier Mal standen sie in der 1970ern im Endspiel, keines konnten sie gewinnen. Seitdem schrammten sie mehrmals knapp am Einzug ins Finale vorbei, fanden immer wieder neue Wege, hoffnungsvolle Spielzeiten im Misserfolg enden zu lassen. Und da ist Keenum. Ein Spielmacher mit einer bis zu dieser Saison gebrauchten Karriere, den eigentlich nie einer wirklich richtig wollte. Zu Klein. Zu schmächtig. Zu schlecht. Hieß es immer. Der Ersatz vom Ersatz, der aufgrund von Verletzungen der etatmäßigen Quarterbacks einspringen musste  – und entgegen aller Erwartungen zum Helden avancierte. Das ist der Stoff, aus dem Hollywood-Träume sind.

Der Wahnsinns-Zitter-Bibber-Jubel-Triumph im Zeitraffer: Die Wikinger, die in diesem NFC-Showdown nach einer bärenstarken Anfangsphase schon mit 17:0 geführt hatten, lagen nach einem Touchdown von Saints-Receiver Alvin Kamara (105 Total Yards) auf einmal 3:01 Minuten vor Spielschluss mit 20:21 zurück. Kicker Kai Forbath brachte den Gastgeber mit einem Field Goal aus 53 Yards 1:29 Minuten vor Ende aber wieder zurück auf die Siegerstraße (23:21), ehe sein Pendant aus New Orleans (Will Lutz) aus 43 Yards den Spieß erneut umdrehte – 24:23 für New Orleans. Drama pur. Der leidgeprüfte Anhang der Vikings hatte sich schon mit seinem Schicksal abgefunden. Wieder mal. Doch ihr Team drehte auf. 25 Sekunden standen noch auf der Uhr. Die Vikings erzielten mit einem Hammer-Drive über vier Plays und 75 Yards den nicht mehr für möglich gehaltenen Touchdown von Diggs. Vier Führungswechseln binnen drei Minuten – verrückt. Einfach verrückt. Die Hausherren kamen aus dem Strahlen gar nicht mehr heraus.

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„Das war der drittschönste Moment in meinem Leben. Erst fand ich zu Gott. Dann heiratete ich meine Frau. Und nun das“, stammelte Märchenprinz Keenum. „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich habe den Ball einfach geworfen. Ich kann nicht glauben, was passiert ist. Wirklich nicht. Es ist das, wovon du als Kind träumst, wenn du hinter dem Haus im Garten spielst.“ Dann winkte er seiner Kimberley zu. Seiner Highschool-Freundin aus Abilene, Texas. Und die winkte ihrem strahlenden Ritter zurück. Dann nahmen sich beide in die Arme. Niemand konnte verarbeiten, was gerade passiert war. Keenum wollte einen flüchtigen Moment mit der einen Person teilen, die jeden Schritt dieser fast unmöglichen Reise mit ihm gelebt hatte. „Mir ist am Ende die Kinnlade heruntergeklappt. Ich konnte nicht glauben, was ich da gesehen hatte“, sagte Kimberley. Sie sah den Sieg eines Teams, das lange dazu verdammt war, immer gegen die Großen zu verlieren. „Die Fans der Vikings haben immer gesagt, dass ihre Herzen immer wieder gebrochen wurden. Ich bin so dankbar, dass es diesmal nicht der Fall war“, meine Kimberley. Und ihre Augen glänzten wie kleine Seen.

Immer wieder hoffte sie, dass man ihrem Case eine Chance gibt. Aber sie zweifelte nicht an ihrem Mann. Niemals. „Ich glaube immer an Case“, sagte sie, „wenn der Ball in seinen Händen ist, weiß ich, dass er etwas Großartiges damit machen kann.“ Der Rest ist Geschichte. „Ich habe Case noch nie so aufgeregt gesehen. Es war etwas Besonderes für ihn. Er war außer sich. Es war pure Freude. Football, der Wettkampf, das ist alles für ihn. Er liebt diesen Moment, der das Feuer weiter in ihm anheizen wird, um ein besserer Quarterback zu werden.“

Vielleicht schafft es Keenum ja nun, den Fluch der Vikings endgültig zu brechen. Ein schöneres Happyend kann sich keiner ausdenken. Nicht einmal Hollywood. Die ewigen Verlierer, die Vikings und ihr Quarterback, könnten ihren Fluch besiegen und Heilige werden. Cheftrainer Mike Zimmer brachte es auf den Punkt: „Das sah heute nicht wie ein Fluch aus. Das sah aus wie ein Ave Maria.“ Für ein Halleluja. Im Dome von Minnesota am 4. Februar. Beim 52. Superbowl. Im eigenen U.S. Bank Stadium. Ja, sie leben nicht ihr Leben, sie leben ihren Traum. Ronald Toplak

Divisional Round (Viertelfinale)

Samstag, 13. Januar 2018 (Ortszeit)

Philadelphia – Atlanta 15:10

New England – Tennessee 35:14

Sonntag, 14. Januar 2018

Pittsburgh – Jacksonville 42:45

Minnesota – New Orleans 29:24

Conference Championships (Halbfinale)

21. Januar, ab 19:05 Uhr: Die 20 spektakulärsten Geschichten zum Super Bowl auf ProSieben

21. Januar, ab 20:40 Uhr, AFC: – Jacksonville Jaguars – New England Patriots live auf ProSieben und ran.de

22. Januar, ab 22:40 Uhr, NFC: Minnesota Vikings –  Philadelphia Eagles live auf ProSieben und ran.de