Problemkiez Lutherplatz? Wie der Fußball bei der WM im Berliner Bezirk Spandau verbindet!

Freude über den Einzug ins WM Finale. Torschütze Mario Mandzukic. Copyright by : sampics Photographie |

Rund um die Lynarstraße im Berliner Bezirk Spandau herrscht ein eher rauer Umgangston. Was nicht unbedingt heißt, dass dieser weniger herzlich ist. Ein sozialer Brennpunkt. So zumindest die offizielle Leseart. „Gebiet mit besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“, wird die Neustadt im Verwaltungsdeutsch genannt. Der Migranten-Anteil liegt bei fast 60 Prozent. „Das Morbide hier ist nicht charmant. Rund um die Lutherkirche bleiben die Verlierer unter sich“, schrieb die „Zeit“ einmal über die Gegend.

Gerade erst kam „Familiye“ in die Kinos. Eine Milieustudie über das Quartier, mitproduziert von Moritz Bleibtreu. Die Schauspieler sind Laiendarsteller aus dem Kiez. In fast jedem Schaufenster der Neustadt hängt ein Plakat des Films. Es geht um Zocker, Sucht, Kriminalität, Drogen, Liebe, Fürsorge und Hoffnung – um Menschen, die stets um Anerkennung und Zusammenhalt kämpfen.

„Warum wohnen sie auch hier?“, fragte einmal ein Polizist verächtlich, als mein Fahrradsattel gestohlen wurde. Warum ich ihnen das erzähle? Ich lebe dort. Besser gesagt einen Steinwurf entfernt. Das ist weit. Sehr weit. Die Straße ist eine unsichtbare Grenze. Wenn man den Zebrastreifen überquert, beginnt eine völlig andere Welt. Aber auch dort, im Lynar-Kiez, ist WM.

Seit Jahrzehnten hatten sich an diesem Platz türkische Mitbürger angesiedelt. Mit vielen bin ich aufgewachsen, gemeinsam zur Schule gegangen. Der Kiez hat sich inzwischen drastisch gewandelt. Libanesen, Syrer, Polen, Russen, Bulgaren, Inder, Italiener, Kroaten und Serben sind dazugekommen. Oft herrscht ein babylonisches Sprachengewirr. Mein Frisör zum Beispiel ist Araber. Auf ihn lasse ich nichts kommen. Manchmal verstehen seine Mitarbeiter kein Deutsch. Aber ihr Handwerk. „Salam alaikum!“ schallt es mir alle 14 Tage freundlich entgegen. Auch er kommt in „Familiye“ vor.

Ein authentischer, sehr sehenswerter Film. Aber: Es lohnt sich hinter die Fassaden der teilweise maroden Gründerzeitbauten zu schauen. Hinter die Gesichter der Bewohner. Abgestempelt. Aufgegeben. Damit machen es sich viele zu einfach. Denn es sind vor allem Menschen. Wer gerne – nur wenige Schritte neben dem Touristen-Hotspot „Zitadelle Spandau“ – auch abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs ist und ein Auge für Kleinigkeiten hat, wird dem Wohngebiet durchaus etwas Positives abgewinnen können.

Beim Kaufmann bekommt man immer ein Lächeln geschenkt, immer frisches Obst. In den Cafes klacken die Würfel bei Brettspielen, die Wirte laden zu süßem Gebäck und Tee. Vor allem aber läuft Fußball. Überall. In und vor den Läden werden die Spiele in Endlosschleife gezeigt. Viele sind in den Landesflaggen geschmückt. Dazu werden wie selbstverständlich die deutschen Farben drapiert. „Wenn wir schon nicht dabei sind, dann sind wir für euch“, sagt mein türkischer Kumpel Can. Er versteht die Zerrissenheit eines Mesut Özils oder İlkay Gündoğans. Sie fühlen sich Deutsch. Und irgendwie doch nicht.

Die türkischen Kids tragen die Trikots von Fenerbahce, Besiktas, Trabzonspor – aber natürlich auch von Hertha BSC. Oder eben des DFB-Teams. Sogar einen Fanklub des Eishockey-Klubs Eisbären gibt es. Nun, viel Freude hatten wir ja alle nicht am noch amtierenden Weltmeister. Dafür zum Beispiel lange an den Russen, die die Siege ihres Teams ausgiebig im Kiez zu feiern wussten.

Es war und ist noch bis Sonntag ein fröhlicher Multi-Kulti-Spaß. Es tut sich was. Das Herz der Neustadt pocht inzwischen wieder auf dem Lutherplatz mit seiner prachtvollen Lutherkirche. Der rote Ziegelbau der dreischiffigen Kirche wurde 1895-96 im Stil von Neoromanik und Neogotik errichtet. Die Grünanlage um das Gotteshaus herum wurde zwischenzeitlich neugestaltet. Anwohner legen regelmäßig Hand an, um ihren Kiez zu verschönern. Mittendrin eine der wenigen deutschen Kneipen. Von einem Badener bewirtschaftet. Auch hier wird WM geschaut. Mit Russen, Polen oder Türken. Gemeinsam.

Die Lutherkirche am Lutherplatz in Spandau. Foto: wikipidea

Deshalb möchte ich ihnen an dieser Stelle von meiner guten Freundin Nena erzählen. Sie ist gebürtige Kroatin, kam in den frühen 1980er-Jahren nach Berlin. Wie viele ihrer Landsleute. Damals schossen kroatische Restaurants wie Pilze aus dem Boden. Nena platzte fast vor Stolz, als sie kürzlich endlich ihren deutschen Pass erhielt. Klar, dass sie trotzdem den Finaleinzug ihres Heimatlandes feierte. Ich freute mich für sie – obwohl ich es mit England hielt. Da bin ich nicht alleine. In Spandau leben noch viele ehemalige britische Soldaten, die einst hier stationiert waren. Nena weiß zwischen den Volksgruppen aber auch zu besänftigen. Nicht zuletzt durch ihre fantastische Kochkunst. Ihre Ćevapčići und der dazugehörige Djuvecreis sind legendär. Zudem beherrscht sie mehrere Sprachen. Schon ein Vorteil in der internationalen Interaktion am Lutherplatz. Außerdem kennt sie sich im Fußball allgemein sehr gut aus. Das hilft. Da rückt jeder Videobeweis, Sieg oder Niederlage in den Hintergrund.

Nena freut sich auf das Finale. Foto: privat

Vielleicht haben wir im Lynar-Kiez in der nur kurzen Zeit etwas geschaffen, wofür andere Jahrzehnte brauchten: Interkulturalität wird zur Normalität. Wer das Gefühl hat oder es vermittelt bekommt, dass er den Veränderungen gewachsen ist, für den können sie sich wandeln: von einer Bedrohung in eine Chance. Menschen mit verschiedenen Nationalitäten, Einkommen, Bildungsniveaus und Lebensstilen feiern zusammen. Schön. Überall verströmt süßlicher Duft von Wasserpfeifen. Junge Leute lachen, vereinzelte gutgekleidete Mittdreißiger und kopftuchtragende Mütter ziehen durch die Straßen. Bunt, eigenwillig und locker zeigt sich das gefürchtete „Lynar-Ghetto“ in diesen Tagen.

Statistiken und Negativschlagzeilen allein werden dieser Gegend, vor allem aber den Menschen nicht gerecht. Der besondere Charme, den die interkulturelle Vielfalt ausmacht, könnte zum Imagewandel des Problembezirks beitragen. Fußball verbindet. Angst ist Akzeptanz gewichen. Für mich ein viel größerer Sieg als der WM-Titel, der in Moskau ausgespielt wird. Und so schauen wir am Sonntag das Endspiel gegen Frankreich. Multikulturell. Am Grill. Jeder bringt etwas mit. Für wen ich bin, fragen Sie? Für Kroatien. Nena zur Liebe.