Wie ich vom Ski-Versager zum Wintersport-Fan wurde

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1970 war ein ereignisreiches Jahr. Die Botschafter der vier Besatzungsmächte beginnen in Berlin mit Verhandlungen für ein Berlin-Abkommen. Der ehemalige Bundeskanzler und spätere Friedensnobelpreisträger Willy Brandt macht den berühmten Kniefall am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos. Die Beatles trennen sich, Jimi Hendrix stirbt. Die deutschen Fußballer werden bei der WM in Mexiko Dritter. Formel-1-Idol Jochen Rindt verunglückt beim Großen Preis von Monza tödlich, die Kickers Offenbach werden sensationell DFB-Pokalsieger. Spektakuläre Nachrichten. Und eine Randnotiz der Geschichte. Der Autor dieser Kolumne stand zum ersten Mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Viele West-Berliner zog es auch im Winter aus der Stadt. Raus aus dem eingemauerten Mief. Rein in prachtvolle Winterlandschaften. Die hatten für uns Kinder etwas Magisches. Der Lärm der Straße verschwand. Der Frost erstarrte im Flockenflaum. Es leuchteten glitzernde Kristalle, es blinkte und blitzte auf jedem Baum. Wir rannten auf weißer Watte. Das weiße Zaubermeer fror ein Lächeln in mein Gesicht. Das schnell verging.

Mein Vater hatte sich in den Kopf gesetzt, mir das Ski fahren beizubringen. In Grafenau im Bayrischen Wald. Ich war 5. Auf dem Schlitten oder Gleitern war alles gut. Aber Ski? Davor hatte ich Respekt. Rot waren sie. Von meinem großen Cousin auf mich übergegangen. Ich weiß es noch wie heute, statt erste Schwünge zu unternehmen, heulte ich wie ein Schlosshund. Davon gibt es sogar Fotos. Ich bewegte mich keinen Zentimeter. Alle Überredungsversuche – vergeblich. Ich werde das enttäuschte Gesicht meines Vaters nie vergessen. Meine aktive Skikarriere war also beendet, bevor sie begonnen hatte. Dieses Erlebnis prägte sich ein. Dazu später mehr. Eine eher peinliche Anekdote für einen Sportreporter, finden Sie? Recht haben Sie! Eine, die mich nicht als Fachmann autorisiert? Warten Sie ab! Trotz des eigenen Unvermögens war die Leidenschaft für den Wintersport erweckt. Dafür sorgten sechs Jahre später bei den Spielen in Innsbruck Rosi Mittermaier, deren Gold-Läufe in Abfahrt und Slalom ich als kleiner Junge gebannt verfolgte. Ebenso wie die sensationelle Bronzemedaille der deutschen Eishockey-Cracks um Lenz Funk. Immerhin lernte ich jetzt Schlittschuhlaufen. Und spielte selber Eishockey. Auf dem Kiesteich neben der elterlichen Wohnung. Zudem zog es meinen Vater beruflich oft nach Grassau im Chiemgau. Auch dort konnte man dem Puck hinterherjagen. Dass ich aber nicht Skifahren konnte, wurmte mich noch immer.

Unverhofft gab es eine neue Chance. Mit der Abi-Klasse ging es 1985 auf Skifahrt nach Alpbach in Tirol. Ich war neidisch auf meine Kumpels. Kaum einer, der nicht auf den Pisten die Schwünge zu Perfektion gebracht hatte.  Kam natürlich gut an. Auch bei den Mädles. Ich dagegen musste zu den wenigen Anfängern. Auf den so genannten Idiotenhügel. Peinlich.

Es endete im Desaster. Schon am ersten Tag brach ich mir den Arm. Ich wollte so cool abbremsen, wie ich es bei den Profis gesehen hatte. Klappte nicht. Ich blamierte mich bis auf die Knochen. Der Almhund bellte laut. Wahrscheinlich lachte er mich aus. In Gips und einer Menge Wut im Bauch verfolgte ich fortan das Treiben meiner Klassenkameraden von der Hotel-Terrasse aus. Allein der Mittleids-Effekt hielt mich am Leben. Zufällig fand zu dieser Zeit auch die Ski-WM in Bormio statt. Ohne zuvor ein Weltcuprennen gewonnen zu haben, sorgte dort ein gewisser Markus Wasmeier für eine Überraschung, als er im Riesenslalom die Goldmedaille gewann und den Favoriten Pirmin Zurbriggen um fünf Hundertstelsekunden schlug. Wir feierten vor dem TV den neuen Helden und späteren Doppel-Olympiasieger frenetisch. Selbst die Österreicher um uns herum applaudierten. Am liebsten wäre ich sofort zurück auf den Hügel gegangen. Es blieb nur die Terrasse. Und ein Gips mit vielen tröstenden Unterschriften.

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein (im Text): picture alliance / Peter Kneffel/dpa

Die Begeisterung für Wintersport aller Art aber blieb. Was tun, wenn man als Skifahrer versagt? Ja, sagen Sie es ruhig, zu blöd dafür ist? Ganz einfach. Man wird Sportreporter. Ein Traumberuf. Ich war auf vielen Großereignissen live dabei, durfte Olympiasieger und Legenden persönlich kennenlernen. Wie zum Beispiel Rosi Mittermeier und Christian Neureuther. Sohn Felix, der leider verletzte Ski-Held des DSV, war damals noch ein Baby. Oder Markus Wasmeier, als der Ski-Zirkus 1986 auf dem Berliner Teufelsberg Station machte. Viele Eishockey-Helden, allen voran Lenz Funk und Sven Felski oder die aktuellen Olympia-Fahrer der Eisbären Frank Hördler, Marcel Noebels und Jonas Müller. Unvergessen Susann Götz, die als Frau so gut war, dass sie bei den Eishockey-Männern von FASS Berlin mitspielen musste. Sven Hannawald, die Skisprung-Legende, stand vor meinem Notizblock. Und Claudia Pechstein, der Jungbrunnen des Eisschnelllaufs. Die Frau, die niemals älter zu werden scheint. Während der Spiele in Pyeongchang feiert die Königin der Kufen ihren 46. Geburtstag. Dennoch besiegt sie Gegnerinnen, die ihre Töchter sein könnten. Sie war Kandidatin als Fahnenträgerin bei der Eröffnungsfeier. Nun ist es der Kombinierer Eric Frenzel geworden. Er hat es verdient. Aber ich hätte es Claudia gegönnt. Göttin der Eisovale. Ehre, wem Ehre gebührt.

Diese Menschen ließen mich alle an ihrem reichen Erfahrungsschatz teilhaben. Ich durfte darin baden, saugte alles auf wie ein Schwamm. Ein Geschenk, das ich tief in der Schatztruhe meines Herzens versteckt habe. Was für Sportler. Die dem Erfolg alles unterordnen. Man wird infiziert. Kampf. Willen. Ehrgeiz. Dieser Virus lässt einen nie mehr los.

Ich werde bei Olympia wieder im Fieber sein. Mentaler Ausnahmezustand sozusagen. Das wirkt auf Fremde manchmal schon sehr skurril. Ist aber die pure Leidenschaft. Wer mich kennt, weiß, was ich meine. Ich werde mit den Athleten jubeln, feiern, manchmal auch weinen. So, als ob ich selbst als Aktiver dabei wäre. Was mein überschaubares sportliches Talent leider verhinderte. Als Beobachter und Autor allerdings kann ich Sie in den nächsten Tagen mitnehmen in das Winterwunderland, mit persönlichen Eindrücken vielleicht auch bei ihnen das Olympische Feuer entfachen. Wenn es nicht schon längst lodert.

Und wissen Sie was? Wenn die Spiele vorbei sind, melde ich mich wieder zum Skikurs an! Mit 53 Jahren. Ob es ein Musikinstrument, eine Sprache oder eine Sportart ist. Niemand ist zu alt, um etwas Neues zu lernen. Picasso malte Guernica mit 57, Verdi schrieb Aida mit 58, Dino Zoff wurde mit 40 Fußball-Weltmeister. Erfolg ist keine Frage des Alters. Siehe Claudia Pechstein. Ein Medaillenkandidat werde ich nicht mehr. Na und? Für mich zählt nur der Spaß. Und die Genugtuung, wenn ich es diesmal lerne, es endlich schaffe, auf Skiern zu stehen. Ich halte es da ganz mit dem olympischen Motto: Dabeisein ist alles.

Skispringer Andreas Wellinger: picture alliance/AP Photo

Einen ersten deutschen Sieger gab es auch schon. Skispringer Andreas Wellinger gewann die Qualifikation von der Normalschanze. Dabei haben die Spiele doch noch gar nicht richtig begonnen. So kann es weitergehen! In diesem Sinne, viel Spaß bei Olympia in Pyeongchang.