WM-Debakel: Neuanfang? Aber bitte mit Sané!

Entsetzen am Brandenurger Tor. Foto: picture alliance/Geisler-Fotopress

Irgendwie bin ich immer noch gelähmt. Ich wähne mich in einem Albtraum. Aus dem ich verzweifelt versuche, zu erwachen. Deutschland ist bei der WM in Russland ausgeschieden. Als Weltmeister. In der Vorrunde. Das gab es noch nie in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Zum ersten Mal in 88 Jahren WM-Historie. Was für eine Fallhöhe für den Titelverteidiger.

Erst schwerfällig, kurze Zeit kämpferisch und zum Schluss in Schockstarre. Das ist unwirklich. Surreal. Nicht greifbar. Unser Team kommt weiter. Immer. Das ist selbstverständlich. Deutschland, DIE Turniermannschaft, ist nicht mehr dabei. Eine nicht für möglich gehaltene Schmach. „Absurd“, wie die Washington Post nach dem peinlichen 0:2 gegen Südkorea entsetzt schrieb. „Erbärmlich“, schämte sich Torwart Manuel Neuer. „Altherrenfußball“, ätzte Altmeister Paul Breitner. Am besten beschrieb TV-Kommentator Béla Réthy, sonst nicht unbedingt für Schlagfertigkeit bekannt, das behäbige Spiel der DFB-Kicker: „Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe.“

Ich verfolgte das Spiel gegen Südkorea mit Kollegen in einem Biergarten am Wannsee. Der Chef hatte geladen. Tolles Ambiente. Erwartungsfrohe Gäste. Alles war bereitet für einen schönen Fußball-Abend.

Interessierte mich die WM anfangs nur peripher, was wie im ersten Blog erwähnt (hier geht es zum ersten Teil) durchaus ungewöhnlich ist, hatte mich das Fieber nach dem mehr als glücklichen 2:1 gegen die Schweden doch noch gepackt. Kroosartig, der finale Kunstschuss von Toni Kroos. Man muss als deutscher Fan schon emotional völlig verkrustet sein, wenn man sich nach diesem Traumtor nicht freute.

Auch, wenn sich das bei mir nicht wirklich zeigte. Zu perplex war ich, als der Lenker des Starensembles von Real Madrid die Partie in allerletzter Sekunde wendete. Ich hatte schon abgeschenkt, starrte auf mein Handy, als um mich herum plötzlich kollektiver Jubel entbrannte.

Genauso ungläubig erlebte ich die etwas mehr als 90 Minuten gegen Südkorea. Vor allem aber die Stunden danach. Ich fühlte mich wie unter örtlicher Betäubung. Im Dämmerzustand. Fast wie in Trance stieg ich in die S-Bahn, nahm die Menschen nur schemenhaft wahr. Die vielen Deutschland-Trikots. Die Gesichter. Monoton. Steril. Fratzenhaft. Zu Masken erstarrt.

Frust auf der  Berliner Fanmeile. Foto: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa

Ich hatte vorher schon ein schlechtes Bauchgefühl. Eigentlich wollte ich mir ein neues Deutschland-Trikot kaufen. Ließ die vielen Euros dann aber doch in der Geldbörse. „Was mache ich mit dem schicken Leibchen, wenn wir rausfliegen?“, fragte ich mich. „Liegt dann sowieso nur im Schrank.“ Äußerlich gab ich mich zwar siegessicher. Innerlich aber mutierte längst ein fußballgroßes Magengeschwür.

Ich fuhr nach dem Debakel nach Hause. Den Umweg über die Stammkneipe ließ ich aus. Häme, Spott und blöde Kommentare wollte ich mir ersparen. Jeder weiß, dass ich solche Sport-Katastrophen sehr persönlich nehme. Wahrscheinlich sogar mehr als die Protagonisten auf dem Rasen.

Ich habe sehr viele sportresistente Freunde. Einer fragte mich etwa beim Testspiel in Klagenfurt gegen Österreich (1:2): „Ist das schon die WM?“ Ach, wie schön wäre es, dachte ich gestern, wenn ich mir solch ein Turnier so unbelastet anschauen könnte. So wie mein Kumpel Holger Schubert, der sich mit einer entwaffnenden Unbekümmertheit bei jedwedem Fußballspiel vollkommen desinteressiert zeigt. Da wird eher über das Liebesleben der Pflastersteine diskutiert, denn über einen Fehlpass von Jerome Boateng oder den Mittelfuß von Manuel Neuer. Sorgt bei mir nur für Unverständnis und Kopfschütteln. Aber: Mit seiner Einstellung käme ich leichter und unbeschwerter durchs Leben.

Ich schloss mich nach dem Desaster gegen allenfalls mittelmäßige Südkoreaner in den eigenen vier Wänden ein. Allein. Ich musste mich sammeln. Fußball im TV? Auf keinen Fall! Anstatt dessen schaute in eine Doku über Wohnmobile. Der Blick – leer. Ich legte mich schlafen und hoffte, dass nach dem Aufwachen alles vorbei war. Alles nur ein schlimmer Traum. Mein Smartphone riss mich am frühen Morgen brutal in die Realität zurück. 35 Nachrichten. Die sich im Allgemeinen über die deutschen Kicker lustig machten.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich warf den Schleier des Entsetzens von mir. Es muss ja weitergehen. Krisen sind Angebote des Lebens, sich zu wandeln. Reus aus dem Tal der Tränen. Solche Ereignisse machen Plattenhardt. Auf Kroos geht’s los. Ich warf die „Korea Taps“ in die Tonne und setzte mein strahlendstes Lächeln auf.

Was passiert nun nach der Mutter aller Blamagen? Bundestrainer Löw führte die deutsche Elf in insgesamt 14 Jahren beim DFB an die Weltspitze. Er prägte eine Ära, wie es sie vielleicht nur unter Helmut Schön gab. Er verband erfolgreichen mit attraktivem Fußball. Das Ende des teutonischen Rumpelfußballs – das ist seine Lebensleistung. Als die DFB-Elf 2000 in der EM-Vorrunde ausschied, wurde der deutsche Fußball auf links gedreht. Neuer Bundestrainer, neue Spieler, neue Ausbildungsschwerpunkte. Kein Stein blieb auf dem anderen. Damals war das zwingend, heute wäre es Aktionismus. Bevor irgendjemand irgendetwas ändert, sollte er lange nachdenken.

Nicht zuletzt Joachim Löw. Trotzdem ist nur sehr schwer vorstellbar, wie er sich noch einmal aufraffen und für eine EM in zwei Jahren motivieren soll. Acht Turniere mit Co- oder Bundestrainer, siebenmal mindestens Halbfinale, dreimal Finale, zwei Titel: Trotz dem besten Punkteschnitt im Vergleich zu all seinen Vorgängern musste Löw immer wieder harte Kritik ertragen. Nach dem Titelgewinn 2014 ist der Bundestrainer ein Stück weit der Fußball-Welt entrückt. Das Selbstbewusstsein tendierte zuletzt in Richtung Selbstgefälligkeit.

Jogi Löw ist nun gefordert. picture alliance / sampics / Stefan Matzk

So wie für die in die Jahre gekommenen Weltmeister die Demontage in Russland eine Zäsur bedeutet, das Ende einer goldenen Generation, so muss auch Löws Zukunft als Chef diskutiert werden. Er hat die Verantwortung für die Zusammenstellung des Kaders. Er hat die „Jugend“ gelobt, aber ihr zu wenig vertraut. „Aber bitte mit Sané“, möchte man ihm zurufen. Den 22-jährigen Leroy Sané von Manchester City, als bester Jungprofi in der Premier League ausgezeichnet, hat er schließlich zu Hause gelassen. Dass die Party vorbei ist, bevor sie richtig begonnen hat, ist verschmerzbar – falls die Zeichen der Zeit erkannt werden und die Strategen des deutschen Fußballs handeln.

Gefragt sind nun auch die Spieler. Es wird Rücktritte geben. Geben müssen. Es muss einen Umbruch im Kader geben. Schon während der vergangenen Saison ließ sich erkennen, dass die zentralen Spieler der WM 2014 nicht mehr auf der Höhe ihres Könnens waren und nicht mehr diese unbedingte Siegermentalität ausstrahlten. Sie sind satt. Ihr Zenit ist überschritten. Das Verhältnis zwischen ehemaligen Leistungsträgern und Trainer hat sich abgenutzt. Was wäre, fragte ich mich, wenn Löw allein mit den Confed-Cup-Siegern in das Turnier gegangen wäre?

Und ich? Schaue noch leicht bedröppelt das WM-Achtelfinale. Ab jetzt halte ich es mit England. Dem Mutterland des Fußballs, das mit seinem blutjungen Team und erfrischenden Offensiv-Spektakeln die beste Pille gegen meinen WM-Kater ist. Das Trikot habe ich schon aus dem Schrank geholt. Die nächsten (hoffentlich) zwei Wochen brülle ich mit den „Three Lions“. Come on England! War sowieso mein Weltmeistertipp. Ob sie es mir glauben oder nicht …