Meine 12 Runden mit Rocky!

Box-Legende Graciano Rocchigiani ist tot. Foto: picture alliance/SvenSimon

Es ist alles gesagt. Alles geschrieben. Warum soll also auch ich noch meinen Senf dazu geben? Weil ich mir meine Trauer von der Seele schreiben will. Ist bekanntlich oft die beste Therapie. Noch immer ist der Boden unter mir gefroren. Graciano Rocchigiani ist tot. Wieder einer der Sport-Helden meiner Jugend. Einer wie Lorenz Funk. Einfach weg. Nicht mehr da. Unbegreiflich!

Nein, privat kannte ich ihn nicht so gut. So gut wie zum Beispiel Lenz Funk. Beide waren Ikonen. Der eine im Boxen. Der andere im Eishockey. Und ich verfolgte ihren Lebensweg intensiv. Rocky hauptsächlich als Fan. Aber auch beruflich. Es muss ungefähr 1990 gewesen sein. Noch im Auftrag der BZ führte ich eines meiner allerersten Interviews überhaupt. Matthias Brzezinski, sowas wie der journalistische Box-Papst unter den Hauptstadt-Schreibern, hatte mich in die Trainingshalle geschickt. Ich, als Reporter völlig unbedarft (und mit noch ziemlich wenig Bartwuchs), erstarrte vor Respekt. Merkte Matthias, der extra bei Graze anrief: „Behandele den Jungen gut. Der kommt von mir.“ Ich bin zwar auch nicht auf den Mund gefallen. Aber Graze war ein Straßenköter. Das ist überhaupt nicht despektierlich gemeint. Ehrlich. Geradaus. Direkt. Immer mit echter Berliner Schnauze. Finde ich eigentlich gut. Dennoch befürchtete ich, verbal voll auf die Fresse zu bekommen. Es war mein Kampf mit Rocky.

Plötzlich stand ich da, im Dickicht der Fäuste. Der Schweiß tropfte. Die hölzernen Dielen klackerten im Takt, als Rocky, den ich bis dato nur aus dem Fernsehen kannte, leichtfüßig über den Boden tänzelte und dabei immer wieder in die Luft boxte. Links, rechts, links. In Endlosschleife. Ran an den Sandsack. 80 Schläge pro Minute. Schwindelerregend. Ich spürte den Luftzug. Die Wucht. Fast so, als würde ein D-Zug an mir vorbeirasen. Ein Kerl wie ein Baum. Durchtrainiert. Voll konzentriert. Angespannt. Und einschüchternd. Mental ging ich in Doppeldeckung, nahm meinen ganzen Mut zusammen. Ehrfürchtig, man ist ja wohlerzogen, sprach ich den Champion in aller Förmlichkeit an: „Herr Rocchigiani, haben sie kurz Zeit.“  Sofort schlug es bei mir ein. Rechte Gerade. Ein krachender Aufwärtshaken. Voll auf die Zwölf. „Nö. Lass mich in Ruhe.“ Weg war er. Ich hatte es kommen gesehen. Knockout in der ersten Runde. Noch vor dem Handshake.

Gefühlt dauerte es Stunden, bevor ich mich wieder berappelte. Ich hing im wahrsten Sinne des Wortes in den Seilen. Doch die Glocke kam gerade noch rechtzeitig. Plötzlich stand er wieder vor mir. Lässig grinsend. „Noch schnell eene rochen. Wat willste?“

Mein angeschlagenes Ich packte das Handtuch wieder ein, das ich schon werfen wollte. Ich sprach mit ihm. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette“, ging mir durch den Kopf. Die hätte ich nämlich auch gebraucht. Egal, rein in den Clinch. Ich ließ nicht mehr los. Runde um Runde. Aber Rocky machte es mir leicht. Wirkte fast wie ein Kumpel. Jede seiner Aussagen ein Volltreffer. „Allet klar?“, fragte er. Logo. Am Ende noch ein Klaps auf die Schulter. Und ich verließ den Ring wie ein Sieger. Ich hatte mich durchgeboxt.

„Bad Boy?“ Fragte ich mich. Nein, ein Typ mit Ecken und Kanten. Rau. Aber herzlich. Gerade heraus. Das kann auch mal weh tun. Ein typischer Berliner eben. Ein Typ, den man in heutigen Zeiten vermisst, da Sportler vorher ihren Frisör einfliegen lassen, um die Gelfrisur zu richten und danach mit stereotypen Aussagen zu nerven.

Fortan verfolgte ich Rocky mit anderen Augen. Mit meinem Vater sah ich 1993 im Sportzentrum Charlottenburg den Punktsieg gegen Ricky Thomas. An meinem Geburtstag, am 5. Februar 1994, war ich mit Freunden meines Fußball-Klubs Teutonia Spandau live dabei, als er gegen er den bis dahin ungeschlagenen Chris Eubank im Kampf um den WBO-Titel im Supermittelgewicht umstritten nach Punkten verlor. Im Dezember verließ ich sogar für ein paar Stunden den Ball des Eishockey-Klubs BSC Preussen, nur um im Sportforum Hohenschönhausen den Kampf gegen Frederic Seillier zu sehen. Mit meinem Schwager fuhr ich 1996 mit dem Motorrad spontan nach Hamburg, um am Millerntor die skandalumwitterte Niederlage gegen Dariusz Michalczewski mitzuerleben. Ich fieberte bei jedem seiner Kämpfe mit. Fast so, als ob ich selbst im Ring stehen würde.

Skandalkampf: Graciano Rocchigiani gegen Dariusz  Michalczewski. Foto: picture alliance/Sven Simon

Sein Leben war eine Achterbahnfahrt. Tiefschläge gab es viele. Strahlender Sieger. Am Boden zerstört. Er verdiente Millionen, verprasste noch mehr. Er soff. Nutten. Knast. Alles dabei. Er wurde betrogen, ging auf die Bretter, stand aber immer wieder auf. Der Sohn einer Berlinerin und eines sardischen Eisenbiegers ließ sich nicht verbiegen. Und das machte ihn so sympathisch. Vielleicht konnte man sich deshalb so gut mit ihm identifizieren. Sein größter Kampf war der gegen sich selbst. Montagabend ertönte in der Nähe von Catania der letzte Gong. Rocky wurde bei einem Autounfall getötet. Er wurde nur 54 Jahre alt.

Henry Maske und Graciano Rocchigiani. Foto: picture alliance/HJS-Sportfotos

Rocky war der Gegenentwurf zum Gentleman-Boxer Henry Maske. Er polarisierte. Ein Verrückter. Kultboxer. Skandalboxer. Aber irgendwie einer von uns. Oft ein Rüpel. Sicher. Aber einer mit viel Herz. Er war oben. Ganz unten. Vor allem aber war er eines: Mensch! Ich werde ihn vermissen.